09.11.2012, Schaffhauser Nachrichten

Eine Suche, die auf den Kopf gestellt wurde

Harsche Kritik am Partizipationsprozess bei der Suche nach einem Endlager für radioaktive Abfälle wurde gestern Abend in Jestetten geäussert. Eingeladen hatte die Bürgerinitiative Hochrhein aktiv.

Von Erwin Künzi

Der Genfer Geologieprofessor Walter Wildi (2. von rechts)
spricht in Jestetten, neben ihm der Neuhauser Gemeinde-
präsident Stephan Rawyler (3. von rechts)

Bild Selwyn Hoffmann

Die Gemeindehalle in Jestetten war gut be- setzt, als kurz nach halb acht Uhr gestern Abend Ulrike Elling, erste Vorsitzende der Bürgerinitiative Hochrhein aktiv, den Informa- tionsabend zum Thema «Sachplan nukleare Entsorgung – ein Experiment» eröffnete. Die Entsorgung radioaktiver Abfälle sei ein welt- weites Problem, das noch nirgendwo auf der Welt gelöst worden sei, erklärte sie. Deutsch- land, das gerade das Fiasko mit dem Tie- fenlager Asse erlebe, schaue neidisch auf die Schweiz mit ihrem Sachplan nukleare Entsor- gung, der auch die Bürgerbeteiligung der be- troffenen Regionen vorsehe. Aber, fragte Elling, ist dieser Sachplan wirklich so vorbildlich? Heute, ein Jahr nach Beginn des Partizipa- tionsprozesses, wolle man fragen, wo das Verfahren stehe und was die Rolle der Regionalkonferenzen sei.

Damit übergab sie das Wort an Othmar Schwank. Der Geschäftsführer der Regionalkonferenz Südranden fungierte als Moderator des Abends. Er stellte die beiden Referenten, Geologieprofessor Walter Wildi und Stephan Rawyler, Gemeindepräsident von Neuhausen und Präsident der Regionalkonferenz Südranden, vor. Wildi war seinerzeit Mitverfasser des Entsorgungskonzepts, das im Kernenergiegesetz Eingang fand. «Ich bin in Sorge, dass das Konzept, wie wir es damals entwarfen, nicht mit der Qualität umgesetzt wird, die ich wollte. Das ist unerträglich», erklärte er. Im Folgenden schilderte er, was ihm Sorgen macht. Im Wesentlichen beruhen sie darauf, dass für die Tiefenlager Zufahrtsstollen und nicht senkrechte Schächte geplant sind. Die Einlagerung der Abfälle nehme 150 bis 200 Jahre in Anspruch. In diesem Zeitraum würden die Stollen defekt, ähnlich wie Autobahntunnels. Das erhöhe die Gefahr des Wassereinbruchs, zudem würden die Stollen die Gesteinsschichten beschädigen; beides führe zu Problemen bei der nuklearen Sicherheit. Dass mit solchen Stollen geplant werde, sei für ihn «schwer verständlich». Ebenso störend sei, dass das Verfahren auf den Kopf gestellt werde, indem nicht zuerst der Ort des Tiefenlagers bestimmt werde, sondern der Standort der Oberflächenanlage. Genau das mache dann die gefährlichen Stollen notwendig. Der Sachplan habe ein faires Verfahren zum Ziel gehabt. Das kürzlich bekannt gewordene Nagra-Papier habe aber gezeigt, dass die Nagra etwas anderes wolle und sich bereits festgelegt habe. Er rechne mit weiteren Enthüllungen (siehe «Nachgefragt»).

Stephan Rawyler berichtete von der Mühsal des Partizipationsprozesses im Rahmen der Regionalkonferenzen. Da die Konferenz keine eigenen Fachleute zur Verfügung habe, müssten sich die Mitglieder alles selber erarbeiten. «Dass wir keine Ressourcen haben, ist ein grosser Mangel des Verfahrens», meinte er. Weiter könne man keine bindenden Beschlüsse fassen. «Toll! Erklären sie das mal den Leuten», so Rawyler. Anträge an das Bundesamt für Energie (BFE) würden zwar entgegengenommen, aber in der Regel abgelehnt. Daraus und aus dem Auftauchen des Geheimpapiers der Nagra würden sich einige Fragen stellen: Wer führt den Findungsprozess: das BFE oder die Nagra? Was heisst das, wenn das BFE erklärt, es wolle die Nagra «coachen»? Ist allen überhaupt klar, was sie in diesem Prozess zu tun haben? Wieso sind grundsätzliche Fragen wie diejenigen zum Grundwasser noch offen? «Es braucht ein realistischeres Zeitbudget, und die Ergebnisse der Regionalkonferenzen müssen umfassend berücksichtigt werden, denn wir wollen kein Feigenblatt sein», schloss Rawyler unter tosendem Applaus.

In der anschliessenden Diskussion, an der auch Markus Fritschi von der Nagra-Ge- schäftsleitung das Wort ergriff, wurden diverse Aspekte der Endlagersuche angesprochen, wobei mit Kritik nicht gespart wurde.


Nachgefragt

«Nagra hat eine doppelte Agenda»

Walter Wildi
Professor
für Geologie

Walter Wildi ist Geologieprofessor an der Universität Genf und ehemaliger Präsident der früheren Kommission für die Sicherheit der Kernanlagen (des heutigen Ensi).

Was sagen Sie zur Reaktion der Nagra auf die Veröffentlichung des Ge- heimpapiers?

Walter Wildi: Diese hat behauptet, es handle sich um einen Teil der Kostenstudie. Diese ist vom 13. Oktober 2011 datiert, das Strategiepapier aber vom 18. November. Das zeigt mir, dass die Nagra eine doppelte Agenda hat.

Auch die staatlichen Stellen haben auf das Papier reagiert. Ihr Kommentar zu diesen Reaktionen?

Wildi: Das Bundesamt für Energie (BFE) hat die Nagra-Spitze zu sich zitiert, und bereits nach zweieinhalb Stunden kam es zu einer gemeinsamen Sprachregelung. Dass sich der BFE-Chef dazu hergab, die erstbeste und dazu noch falsche Erklärung der Nagra zu übernehmen, ist beschämend. Dabei hätte er das Papier nur lesen müssen, um zu wissen, für was es gemacht war.

Rechnen Sie mit weiteren Enthüllungen?

Wildi: Weitere Affären und Papiere zur Nagra werden zurzeit journalistisch bearbeitet und in nächster Zukunft veröffentlicht. Da werden noch grössere Hunde an die Oberfläche kommen.

Interview Erwin Künzi

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