15.01.2015, Tages-Anzeiger

Energiewende

Stromstrassen in Schutzgebieten

Der Bundesrat will den Bau von Hochspannungsleitungen in geschützten Land- schaften erleichtern. Landschaftsschützer protestieren und fordern Verkabelungen im Boden. Doch diese Methode hat Tücken.

Von Stefan Häne

Im deutschen Raesfeld werden Stromleitungen unter der Erde
verlegt. Das ist teuer und aufwendig.

Bild: David Hecker (Getty Images)

Für eine moderne Gesellschaft sind Stromlei- tungen so bedeutsam wie Adern für den Men- schen: Sie sind lebenswichtige Versorgungs- bahnen. Weil im Zuge der angestrebten Ener- giewende die Anforderungen ans Stromnetz wachsen, braucht es einen Um- und Ausbau der Infrastruktur. Andernfalls, so warnt der Bun- desrat in seinem Bericht zur Strategie Strom- netze, drohen Stromausfälle «mit schwerwie- genden Auswirkungen» für die Bevölkerung und die Wirtschaft. Das Projekt ist ihm so wichtig, dass er dafür Abstriche beim Landschaftsschutz in Kauf nimmt. Neu sollen gewisse Stromlei- tungen von nationaler Bedeutung sein. Für das nationale Übertragungsnetz (Netzebene 1) soll sich dieser Status direkt aus dem Elektrizi- tätsgesetz ergeben. Für das regionale Verteil- netz (Netzebene 3) soll der Bundesrat auf dem Verordnungsweg, also in Eigenregie, ent- sprechende Leitungen bezeichnen.

Die Strategie Stromnetze befindet sich noch bis Mitte März in der Vernehmlassung. Doch bereits jetzt ist klar: Die Landschaftsschützer goutieren die Vorlage nicht. «Die nationalen Land- schaftsjuwelen geraten von allen Seiten unter Druck», sagt Raimund Rodewald, Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL). Einmal mehr werde versucht, mit dem Begriff «nationale Bedeutung» den Status der Schutzgebiete auszuhöhlen, sagt er in Anspielung auf den Nationalrat, der in der Wintersession beschlossen hat, den Bau von Windturbinen und Wasserkraftwerken in Schutzgebieten zu erleichtern. Bedenken meldet auch Pro Natura an. Der Umweltverband warnt vor einer pauschalen Anerkennung des nationalen Interesses, weil dies Ausbauprojekte begünstige, die vorab dem Stromhandel und nicht der Versorgungssicherheit dienten.

Delikate Ausgangslage

Die Reaktionen zeigen: Die Ausgangslage heute ist delikater als zur Blütezeit der Ausbauten. Als in den 50er- und 60er-Jahren der Grossteil der Stromleitungen entstand, waren die meisten betroffenen Gebiete noch nicht unter Schutz gestellt. Das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) etwa, das 19 Prozent der Landfläche ausmacht, wurde erst 1977 ins Leben gerufen.

Heute verlaufen von den 6700 Kilometer Leitungen des nationalen Übertragungsnetzes deren 700 in BLN-Gebieten; kantonale und regionale Schutzzonen sind dabei noch nicht berücksichtigt. Die geplanten Verstärkungen (1000 Kilometer) und Ausbauten (300 Kilometer) der Netzebene 1 werden vielerorts Schutzgebiete tangieren. Vor diesem Hintergrund rechnet der Bundesrat mit Einsprachen gegen neue Bauprojekte. Um mehr Transparenz und Akzeptanz zu schaffen, will er das Bundesamt für Energie (BFE) verpflichten, die Öffentlichkeit vermehrt über die Netzentwicklung und die Möglichkeiten zur Mitwirkung zu informieren. Auch hält er die Kantone und die Netzgesellschaft Swissgrid zu mehr Aufklärung an.

Rechnungsformel als Lösung?

Das Konfliktpotenzial dürfte sich so freilich kaum beseitigen lassen. Denn wo immer eine Leitung gebaut wird, formiert sich Widerstand. Umstritten ist vor allem die Frage, ob eine Freileitung erstellt werden oder die Kabelführung im Boden erfolgen soll. Erdkabel sind heute weit verbreitet – allerdings nur in den regionalen Verteilnetzen (bis 150 Kilovolt). Im nationalen Übertra- gungsnetz, im Bereich der Höchstspannung also (220 und 380 Kilovolt), ist ihre Verwendung vergleichsweise neu.

Landschaftsschützer votieren uneingeschränkt für die Bodenvariante. SLGeschäftsführer Rode- wald hielte es gar für sinnvoll, die bestehenden Freileitungen zu verkabeln. Der Bundesrat hingegen gedenkt, das Problem mit einer Formel zu lösen: In Zukunft soll eine Erdverkabelung grundsätzlich dann erfolgen, wenn deren Bau und Betrieb die Gesamtkosten einer technisch gleichwertigen Freileitungsvariante um einen bestimmten Faktor nicht überschreitet. Festlegen soll diesen Faktor, der maximal 3 betragen soll, der Bundesrat.

In der Schweiz sind im Höchstspannungsnetz heute nur 8 von 6700 Kilometern erdverkabelt, in Spreitenbach AG ein Kabel aus den 70er-Jahren und in Mendrisio TI eine Leitung, die nicht zum nationalen Übertragungsnetz gehört. Zwei Spezialfälle also. Aufschlussreicher ist ein Blick nach Deutschland. In Raesfeld (Nordrhein-Westfalen) versucht der Netzbetreiber Amprion, 3,4 Kilometer Kabel der höchsten Spannung (380 Kilovolt) in den Boden zu verlegen und so für mehr als drei Millionen Menschen eine Autobahn für Windstrom aus der Nordsee zu bauen. Eine Bürgerinitiative hat lange für diese Lösung gekämpft, weil sie gewichtige Vorzüge gegenüber einer Freileitung sieht: weniger Geländeverbrauch, keine Leitungsgeräusche, kein Wertverlust der Häuser entlang der Strecke, kein Kopfweh durch Elektrosmog.

Doch es bestehen auch Bedenken in der lokalen Bevölkerung. Die Bauern befürchten, dass durch die Wärmeentwicklung im Boden die Ernte leiden könnte, und verlangen Entschädigungen für die Nutzung ihres Bodens. Auch die Ingenieure plagen Sorgen. Sollte ein Erdkabel kaputtgehen, wäre eine Reparatur aufwendiger und würde deutlich länger dauern (mehrere Tage) als bei Freileitungen (mehrere Stunden).

Auch Erdkabel belasten Umwelt

Für das Erdkabelprojekt rechnet Amprion mit Kosten von 30 Millionen Euro – sieben- bis achtmal so viel wie für eine vergleichbare Überlandleitung. Das ist weit mehr als der vom Bundesrat vorgeschlagene Faktor 3. Ein Branchenkenner sagt denn auch, mit dieser Vorgabe würden in der Schweiz weiterhin grösstenteils Freileitungen gebaut. Die Formel des Bundesrats sei eine politische Beruhigungspille. Das BFE indes hält den Faktor 3 für angemessen und verweist auf das Ergebnis einer Studie, die es selber in Auftrag gegeben hat.

Freileitung oder Erdkabel? Der Schweizer Netzbetreiber Swissgrid versichert, keine der beiden Varianten zu bevorzugen. Er beurteile die Projekte technologieneutral. Allerdings: «Freileitungen sind vielleicht ein Problem für das Auge des Betrachters», sagt Sprecher Andreas Schwander. Doch auf Masten mit sehr grossen Abständen seien sie wohl in vielen Fällen die ökologischste Lösung. Dies gelte speziell für Gebiete, in denen Moorlandschaften, freie Flussläufe, Wildwechsel, Permafrostböden und komplexe Ökosysteme geschützt werden sollen.

Eine Verkabelung hingegen zieht laut Schwander «teils massive Eingriffe» in die Landschaft nach sich. Die nötige Schneise dafür ist mit zirka 17 Metern so breit wie eine doppelspurige Schweizer Autobahn ohne Pannenstreifen. An der Schnittstelle zwischen Freileitung und Erdkabel braucht es zudem ein Übergangswerk, das ein eingezäuntes Territorium von der Grösse eines halben Fussballplatzes und einen speziellen Mast benötigt. Auch müssen Strassen vorhanden sein oder nötigenfalls gebaut werden, die für 60-Tonnen-Schwertransporte ausgelegt sind.

Kabel in Strassenkörper

Die Landschaftsschützer verhehlen diese Schwierigkeiten nicht. SL-Ge-schäftsführer Raimund Rodewald schlägt vor, die Kabel in den Strassenkörper einzulegen, um keine Schneisen in die Wälder schlagen zu müssen. Auch gebe es platzsparende Bauvarianten unter Boden.

Die Landschaftsschützer setzen ihre Hoffnungen auf die in der Planung bereits weit fortgeschrittene, 1,2 Kilometer lange Erdverkabelung der 380-KilovoltLeitung Beznau–Birr AG. Rodewald ist zuversichtlich, dass deren «Bilanz positiv ausfallen» wird. Doch dem Projekt droht eine Verzögerung. Denn die Gemeinden Riniken und Bözberg sowie Privatpersonen haben Einsprache erhoben. Streitpunkt ist nicht das Kabel selbst – sondern (unter anderem) die Frage, ob dort, wo die Hochspannungsleitung in den Boden führt, ein oder zwei Masten nötig sind.


Schweizer Stromnetz

Investitionen von 18 Milliarden

Das Schweizer Stromnetz umfasst 250 000 Kilometer Leitungen sowie 12 000 Strommasten. Es besteht aus einem Übertragungs- und einem Verteilnetz. Auf dem Weg zum Konsumenten wird die Spannung von 380 000 Volt respektive 220 000 Volt auf 230 Volt reduziert. Der Grossteil der Leitungen sind Hausanschlüsse und Leitungen in den Städten, die im Boden verlaufen. Sichtbar sind regionale Verteilnetze und das nationale Übertragungsnetz. Der Bundesrat will die unregelmässig anfallende Stromproduktion aus erneuerbaren Energien optimal ausnützen, Engpässe beseitigen, das Netz besser ans Ausland anbinden und weiterentwickeln – in Richtung intelligenter Netze, die ein ideales Zusammenspiel von Verbrauchs- und Produktionssteuerungen ermöglichen. Der Ausbau kostet maximal 18 Milliarden. Davon sind für die Erneuerung des nationalen Netzes 4 Milliarden eingeplant (bis 203O), für den Ausbau 2,3 bis 2,7 Milliarden (bis 2050). Die Erweiterung des Verteilnetzes wird 3,9 bis 12,6 Milliarden kosten. Nötig wird dies, weil erneuerbare Energien vermehrt dezentral eingespeist werden. Die Kosten tragen die Konsumenten durch die Netznutzungsentgelte (im Strompreis enthalten). Pro Haushalt rechnet das Bundesamt für Energie heute mit Netznutzungsentgelten von 10 Rappen pro Kilowattstunde. Aufgrund der Aus- und Umbauten steige dieser Betrag bis 2035 voraussichtlich um 1 Rappen und um weitere 0,3 bis 0,5 Rappen bis 2050. (sth)

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