09.02.2013, Tages-Anzeiger

Der Trend geht Richtung Erdverlegung

Das Bundesgericht beurteilt Erdverlegung als technisch und finanziell machbar. Die Stromanbieter haben darum Mühe, neue Freileitungen durchzusetzen.

Von Michael Soukup

Der Ausstieg aus der Atomenergie wird aus verschiedenen Gründen teuer und mühsam werden. Eine Ursache dafür ist der dringend notwendige Ausbau des Schweizer Hochspannungsnetzes auf einer Länge von rund tausend Kilometern zur «Batterie Europas»: Gemäss Swissgrid, das seit Anfang Jahr Eigentümerin der landesweiten Hochspannungsleitungen ist, haben acht Projekte hohe Priorität. Daneben sind noch knapp 20 kleinere aufgegleist.

Das wäre an sich schon teuer genug. Doch der Ausbau des Netzes wird praktisch in allen betroffenen Regionen heftig bekämpft – meist mit dem Ziel, dass wenigsten ein Teilstück unter dem Boden verlegt wird. Begründet werden die Einsprachen meist mit gesundheitlichen Gründen oder mit dem Landschaftsschutz. Ein Bundesgerichtsentscheid aus dem Jahr 2011 zugunsten der Erdverlegung gilt als wegweisend. Seitdem haben Stromanbieter zunehmend Mühe, Freileitungen durchzusetzen. Hier die aktuellsten fünf Beispiele:

• Aargau Das Teilstück zwischen Beznau AG und Mettlen LU gehört zu den prioritären Netz- ausbauprogrammen. Um den Engpass zu beheben, wird eine 220-Kilovolt-Leitung durch eine 380-Kilovolt-Leitung ersetzt. Doch auf dem sechs Kilometer langen Teilstück liegt die Gemeinde Riniken, die sich seit Jahren vehement gegen die Freileitung wehrt. Im April 2011 fällte aber das Bundesgericht einen wegweisenden Entscheid: Das höchste Gericht hiess die Beschwerde der Gemeinde gut. Seitdem sind die Netzbetreiber damit beschäftigt, herauszufinden, wie eine Erdverlegung realisiert werden könnte.

• Zürich Am linken Ufer des Zürichsees kämpft die Gemeinde Rüschlikon seit Jahren gegen den Ausbau der Hochspannungsleitung Samstagern–Wollishofen. Hier wollen die Elektrizitätswerke der Stadt Zürich, die Axpo und die SBB eine bestehende Leitung verdreifachen und die 35 Meter hohen Gittermasten durch 55 Meter hohe Betonmasten ersetzen. Letzten September bekam Rüschlikon vom Bundesverwaltungsgericht recht, dass die Betreiber die Variante Erdverlegung ungenügend geprüft hätten. Nun wird eine Verkabelung unter dem Boden entlang der Autobahn A 3 evaluiert.

• Zug In der Zentralschweiz will die Axpo zwischen Hünenberg und Menzingen die Hochspan- nungsleitung ausbauen. Auf dem Gebiet von Zug und Baar soll die Stromleitung unterirdisch verlaufen. Der Zuger Regierungsrat hat im Dezember dafür einen Kredit von 3 Millionen Franken gesprochen, dieses Jahr soll der Kantonsrat darüber entscheiden. Unterdessen prüft der Kanton, ob auch der restliche Streckenabschnitt früher oder später im Boden verlegt werden soll.

• Bern 2010 erhielt der Stromkonzern BKW die Genehmigung für den Ausbau der bestehenden Freileitung zwischen Mühleberg und Wattenwil. Der grösste Teil der 30 Kilometer langen Strecke sollte als Freileitung realisiert werden. Daraufhin beschwerten sich fünf betroffene Gemeinden beim Bundesgericht und bekamen Ende November recht: Die Plangenehmigung wurde aufgehoben und zurück ans Bundesamt für Energie (BFE) zurückgeschickt. Das BFE muss nun weite Streckenteile für die Erdverlegung prüfen.

• Wallis Die bestehenden Höchstspannungsleitungen zwischen Chippis und Lavorgo bilden einen Engpass im schweizerischen und europäischen Übertragungsnetz. 2011 erteilte das BFE gegen den Widerstand der Bevölkerung die Plangenehmigung der sogenannten Gommerleitung als Freileitung. Doch Mitte Januar pfiff auch in diesem Fall das Bundesverwaltungsgericht das Bundesamt zurück. Die Bundesbehörden wurden verpflichtet, zu untersuchen, ob die Hoch- spannungsleitung auf der Teilstrecke Bitsch–Ulrichen in den Boden verlegt werden könnte.

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