29.10.2011, Neue Zürcher Zeitung

Spannungen um das Stromnetz

Kompromissbereitschaft von Swissgrid zur geforderten Erdverlegung von Leitungen

Im Rahmen einer Studie zeigt der Netzbetreiber Swissgrid eine gewisse Offenheit ge- genüber der Erdverlegung von Leitungen. Bei dieser Frage wie auch bei der Be- sitzübertragung des Netzes mischen aber ebenso Gerichte und die Bundesverwaltung mit.

Von Davide Scruzzi

Das Hochspannungsnetz soll stark erweitert und teilweise
unter die Erde verlegt werden.

Bild: Christian Beutler / NZZ

Das Hochspannungsnetz soll - auch mit Blick auf den AKW-Ausstieg und das Zusammenspiel von Pumpspeicherkraftwerken und erneuerba- ren Energien - um 300 Kilometer erweitert wer- den; zudem gilt es, 1000 Kilometer an beste- henden Leitungen umzubauen. Die Netzbe- triebsfirma Swissgrid steht derzeit vor zwei Herausforderungen. Zum einen erweist sich die im Zuge der Strommarktliberalisierung gesetz- lich bis 2013 verlangte Besitzübertragung des Netzes als konfliktträchtig (siehe untenste- henden Text). Zum anderen stösst jeder, der eine Freileitung bauen will, auf Widerstand, sei es aus landschaftsschützerischen Gründen oder wegen Ängsten rund um den Elektrosmog. Eine am Freitag in Zürich vorgestellte Studie zu Freileitungen und Erdkabelleitungen zeigt, dass die Vor- und Nachteile der beiden Varianten immer je nach Fall neu zu beurteilen sind.

Viele Fragen bleiben offen

Mit der Besitzübertragung wird der Netzausbau künftig nicht mehr Aufgabe der einzelnen Stromversorger sein, sondern gesamtschweizerisch von Swissgrid durchgeführt. Der neue Akteur will mit einer neuen Kommunikation gegenüber der Bevölkerung mehr Goodwill erreichen. Die bisherigen Argumente der Strombranche zu den Mehrkosten der Erdkabel sind jedenfalls nicht immer zutreffend. Die zusätzlichen Aufwendungen können laut der für Swissgrid von der Technischen Universität Ilmenau erstellten Auswertung von Studien nämlich gering sein, in einigen Fällen aber den Faktor 19 erreichen. Die Kosten für die Realisierung sind zwar bei Freileitungen viel höher. Es müssen aber auch die Unterhaltskosten und die finanziellen Nachteile bei einem Ausfall berücksichtigt werden - die Ausfälle können je nach Ort bei Freileitungen deutlich häufiger sein als bei Erdverkabelungen. Aus landschaftsschützerischer Sicht sind Letztere natürlich weniger problematisch als Freileitungen. Ökologisch schneiden aber Freileitungen oft besser ab, weil Erdverlegungen grössere Eingriffe in den Boden erfordern.

Für Swissgrid-CEO Pierre-Alain Graf bleibt die Variante Freileitung die Basis für den künftigen Ausbau. Das technische und ökonomische Praxiswissen rund um die Verkabelungslösungen soll aber nun mit Pilotprojekten erweitert werden. Es ist naheliegend anzunehmen, dass insbesondere ohnehin umstrittene Projekte zu solchen Pilotprojekten erkoren werden, beispielsweise im Unterwallis. Eine durchgehende Verkabelung des Hochspannungsnetzes scheint indes nicht nur aus Kostengründen, sondern auch aufgrund der nötigen Technik problematisch zu sein. Welcher Leitungstyp mehr energetische Verluste aufweise, hänge ebenfalls vom spezifischen Objekt und der Art der Nutzung ab, hält Swissgrid fest und relativiert damit ein im Frühling ergangenes Bundesgerichtsurteil, das eine unterirdische Verkabelung im aargauischen Riniken anordnete. Das Gericht argumentierte, dass Erdleitungen energetisch besser seien. Gewisse Schlussfolgerungen von Swissgrid scheinen sich aber im Übrigen an jener neuen Praxis des Bundesgerichts anzulehnen.

Bund entscheidend

Im Übrigen erwartet Swissgrid aber für die Entscheidungen zwischen Freileitung und Erd- verlegung ein Bewertungsschema des Bundesamts für Energie, das schon vor zwei Jahren entworfen wurde. Nach Überprüfungen in der Praxis wird es nun überarbeitet. Die Arbeiten befinden sich in der Endphase und werden just um Kosten- und Effizienzfaktoren ergänzt. Darauf dürfte dann auch die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) ihr Vorgehen in der Frage ausrichten, welche Netzinvestitionen auf die Stromkunden überwälzt werden können. Vor einiger Zeit hatte die Elcom signalisiert, Mehrkosten für die Erdverlegung nur dann zuzulassen, wenn ein Gerichtsurteil diesen Schritt erforderlich macht. Dieses Verteidigen der Interessen der Stromkunden, welche Mehrkosten beim Netz berappen müssen, wurde aber bereits aufgeweicht. Die Branche will im Übrigen mit verfahrenstechnischen Vereinfachungen die Realisierung beschleunigen, etwa mit dem Wegfall des Bundesverwaltungsgerichts als Zwischeninstanz.


Swissgrid hält trotz Elcom-Verfahren am Finanzmodell fest

dsc. Ab kommenden Sommer soll die Swissgrid AG nicht mehr nur das Hochspannungsnetz betreiben, sondern von den Stromversorgern auch das Eigentum übernehmen. Unklar ist noch, wie das Unternehmen, das den Netzeigentümern gehört, diesen Schritt finanzieren wird. Das von Swissgrid erarbeitete Modell sieht vor, dass ein grosser Teil der Abgeltungen in Form von Darlehen erfolgen soll. Swissgrid müsste dann nach ein paar Jahren das Geld den heutigen Eigentümern zurückzahlen. Die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) als Regu- lierungsbehörde bevorzugt hingegen mit Blick auf das Gesetz und die künftige Solidität des Unternehmens eine vorwiegend auf Swissgrid-Aktien basierende Entschädigung. Bereits im Frühjahr war bekanntgeworden, dass die Elcom das Thema analysiert, im Sommer wurde von der Behörde eine Zwischenverfügung erlassen. Swissgrid-CEO Pierre-Alain Graf ist optimistisch, dass die Fragen in den nächsten Monaten geklärt werden können. Die Zwischenverfügung der Elcom wurde aber von Swissgrid bereits beim Bundesverwaltungsgericht angefochten.

Graf hält an der Richtigkeit seines Finanzierungsmodells fest. Gespräche mit verschiedenen Banken hätten ergeben, dass die anvisierte Kapitalisierung von Swissgrid den Weg über die mittelfristige Auszahlung der jetzigen Eigentümer gestatte, ja dies aufgrund der heutigen Zinssituation sogar vorteilhaft sei, erklärte Graf am Rand der Medienkonferenz vom Freitag. Die Erkenntnisse aus den Gesprächen mit den Bankenvertretern sollen nun in die Gespräche mit der Elcom einfliessen.

Es wäre denkbar, die Stromunternehmen zu einem anderen Finanzierungsmodell zu zwingen, schliesslich sieht das Gesetz gar die Möglichkeit von Enteignungen der jetzigen Eigentümer vor. Doch laut Graf, dessen Verwaltungsrat in der Mehrheit von den Eigentümern unabhängig ist, darf man nicht nur an die jetzige Besitzübertragung denken, bei der es um Werte im Umfang von 1,7 Milliarden Franken geht. Swissgrid müsse in den nächsten Jahren auf den Finanzmärkten ein Vielfaches dieses Betrags aufnehmen, um den Netzausbau zu finanzieren. Da sei es wichtig, von Anfang an als seriöser Partner aufzutreten und marktübliche Finanzierungswege zu wählen, so Pierre-Alain Graf.

Allenfalls ergeben sich mit dieser Lösung auch Optionen für eine wünschenswerte stärkere Unabhängigkeit des Netzbetreibers von den Versorgern. Die Elcom gewichtet diesen ordnungspolitischen Aspekt indes nicht so stark.

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