29.10.2011, Tages-Anzeiger

Swissgrid testet Hochspannung unter Boden

Die Netzgesellschaft will zwar weiterhin Freileitungen bauen, erstellt allerdings auch Pilotprojekte mit Erdverkabelung.

Von Richard Diethelm

Dringende Ausbauvorhaben im Hochspannungsnetz

TA-Grafik str / Quelle: Swissgrid

Im Konflikt, ob neue Hochspan- nungsleitungen im Boden oder auf Masten verlegt werden sol- len, verlaufen die Fronten zwi- schen Landschaftsschützern so- wie Anwohnern geplanter Anla- gen und der Stromwirtschaft. Im April hatte das Bundesgericht in einem Streitfall zugunsten der aargauischen Gemeinde Riniken entschieden und von der Axpo verlangt, in einem landschaftlich heiklen Gebiet ein Verkabelungs- projekt auszuarbeiten. Nun ist die nationale Netzgesellschaft Swiss- grid von ihrer strikten Ablehnung, 380-Kilovolt-Leitungen in den Bo- den zu verlegen, etwas abge- rückt.

Die Stromwirtschaft hatte bis zum Urteil im Fall Riniken stets argu- mentiert, die Erdverkabelung sei 10- bis 40-mal teurer als der Bau einer Freileitung und technisch störungsanfälliger. Das Bundes- gericht befand dagegen, Kabel- anlagen seien «leistungsfähiger, zuverlässiger und kostengünstiger» geworden. In einer Gesamtbetrachtung glichen die höheren Stromverlustkosten der Freileitungen die höheren Investitionskosten der Erdverkabelung «weitgehend aus».

Die Rechtsprechung folgt seither diesem Urteil. So gab das Bundesverwaltungsgericht im September der Gemeinde und Grundeigentümern von Tuggen SZ in dem Punkt Recht, dass die Axpo und das Bundesamt für Energie (BFE) als Bewilligungsbehörde von Hochspan- nungsleitungen die Verkabelung einer 380-kV-Leitung zwischen der Grynau und Siebnen vertieft prüfen müsse. «Planer von neuen Projekten sind gut beraten, auch eine Kabelvariante auszuarbeiten», folgert die BFESprecherin Marianne Zünd aus der neuen Rechtsprechung.

Anstelle der Axpo, der BKW oder der Alpiq wird Swissgrid von 2013 an die «Stromautobahnen» erneuern, ausbauen und unterhalten. Im Auftrag von Swissgrid hatte die Technische Universität im deutschen Ilmenau den heutigen Kenntnisstand über Vor- und Nachteile von Freileitungen und Erdverkabelungen aus 176 Studien ermittelt. «Künftige Projekte basieren weiterhin auf der Variante Freileitung. Aber wir werden Verkabelungslösungen prüfen», zog der Direktions- präsident Pierre-Alain Graf gestern das Fazit aus der Studie.

Swissgrid hält auch die Kombination von Freileitungen und Erdverkabelungen «für eine gangbare Alternative». Eine totale Verkabelung aller geplanten 380-kV-Leitungen sei jedoch «nicht machbar», schränkte Graf ein. Swissgrid wird die «noch wenig erprobte» Erdverkabelung von 380-kV-Leitungen in Pilotprojekten testen.

«Ob es ein Pilotprojekt im Wallis oder bei Mühleberg geben wird, kann ich heute nicht sagen», sagte Graf. Zwischen Mühleberg und Wattenwil sowie im Wallis ist der Widerstand gegen die Leitungsbauer besonders gross. Der Walliser Volkswirtschaftsdirektor Jean-Michel Cina lud Swissgrid umgehend ein, Pilotprojekte in seinem Kanton zu realisieren.

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