11.05.2011, Tages-Anzeiger

«10 Meter neben dem Erdkabeltrassee ist das magnetische Feld nur noch gering»

Der Ingenieur Heinrich Brakelmann plädiert dafür, in sensiblen Landschaften Hoch- spannungsleitungen im Boden zu verlegen.

Mit Heinrich Brakelmann sprach Martin Läubli

Heinrich Brakelmann
Der Professor an der Universität
DuisburgEssen ist Experte für
Hochspannungskabel. Er kennt die
Schweizer Verhältnisse.

(Tages-Anzeiger, 11.5.2011)

TA: Das Stromnetz der Schweiz ist alt, und die Strombelastung steigt. Es muss ausgebaut und erneuert werden, einzelne Streckenab- schnitte müssen von 220 auf 380 Kilovolt (kV) umgestellt werden. Der Widerstand gegen neue Freileitungen ist sehr gross, gefordert werden Erdverkabelungen. Ist ein Kompromiss die Lösung?

Heinrich Brakelmann: Kompromiss heisst für mich, dass man dort, wo es möglich ist, Freileitungen baut, bei sensiblen Landschaften oder in der Nähe von Wohnbauten kann man zwischenverkabeln. Es geht ja meistens um Fragen der Ästhetik und des Landschaftsschutzes. Freileitungen kann man heute kompakter bauen, indem man etwa die Seile enger an den Masten anbringt. Damit verringert man auch die Magnetfelder. In der Schweiz werden oft bei 380-kV-Netzen Lei- terbündel mit nur zwei Seilen verwendet. Wenn sie vier Seile nehmen, hat man das Surren fast nicht mehr. Und die Übertragungsverluste werden wesentlich gesenkt.

Eine Verkabelung ist aber grundsätzlich teurer.

Die Investitionskosten sind um den Faktor 3 bis 6 höher als bei Frei- leitungen. Wenn man aber die Stromverluste kapitalisiert, etwa über 40 Jahre, dann liegen die Vollkosten normalerweise nur noch 2- bis 3-mal höher.

Das ist immer noch beträchtlich.

Nur im Streckenvergleich. Wenn ich zwischenverkable, zum Beispiel bei einer 100 Kilometer langen Freileitungsverbindung 20 Kilometer im Boden verlege, dann wird es nochmals einiges billiger.

Warum weist eine Verkabelung meist weniger Stromverluste auf?

Das Kabel liegt im Boden und kann die bei der elektrischen Übertragung entstehende Wärme schlechter abführen als bei Freileitungen in der Luft. Deshalb muss man bei Erdkabeln mehr in den Leiterquerschnitt investieren, um die Verluste zu begrenzen. Dafür hat man weniger Stromverluste.

Bringt eine Verkabelung generell weniger Störungen?

Das hängt von der Spannungsebene ab. Bei 110-kV-Netzen macht es oft Sinn zu verkabeln, in manchen Fällen ist es sogar wirtschaftlicher als bei Freileitungen. Dänemark etwa hat sich entschieden, das gesamte 110-kV-Netz komplett in den Boden zu verlegen – mehr als 3000 Kilometer – und dabei auch bestehende Freileitungen abzubauen. Sogar das 380-kVNetz soll komplett in den Boden. Der Grund ist in erster Linie der Landschaftsschutz und der Tourismus. Das könnte für die Schweiz auch ein Thema sein.

Oft führt Furcht vor magnetischen Feldern zum Widerstand gegen Freileitungen. Ist das ein be- gründeter Einwand?

Zu den Auswirkungen kann ich mich nicht äussern, dazu gibt es Hunderte Studien, und jede wird angezweifelt. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen Grenzwert von 100 Mikrotesla für magnetische Felder. Deutschland hat diesen übernommen, die Schweiz gibt sogar nur ein Mikrotesla für sensible Bereiche vor. Das wird bei neuen Freileitungen eingehalten. In Italien gibt es Regionen, wo ein Grenzwert von 0,2 Mikrotesla verlangt wird.

Wie steht es bei Erdkabeln?

Direkt oberhalb der Kabel kann das Magnetfeld höher sein als direkt unter der Freileitung, aber das magnetische Feld neben dem Kabeltrassee nimmt sehr viel schneller ab als bei der Freileitung, weil die Leitungen viel dichter beisammen liegen. 10 Meter daneben ist das Feld nur noch sehr gering. Beim Kabel kann man zudem Schirmungsmassnahmen vornehmen, um das Feld zu schwächen.

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