24.04.2011, NZZ am Sonntag

Unnötige Verluste beim Stromtransport

Beim Stromtransport in der Schweiz geht so viel Energie verloren, wie ein Atom- kraftwerk produziert. Stromkabel im Boden könnten die Verluste verringern, sagen Umweltschützer - und das Bundesgericht.

Benjamin Tommer

Fliesst der Strom durch den Boden, geht weniger davon ver-
loren.

(Mendrisio, 2007)

Während sich die Schweiz Gedanken macht, wie sich mit kürzerem Duschen und effizienteren Kühlschränken Strom sparen liesse, hat das Bundesgericht in der wenig beachteten Begrün- dung eines neuen Urteils einen anderen Weg skizziert: Viel Energie lasse sich sparen, wenn der Strom im Boden statt in der Luft transportiert werde. Anlass zur Stellungnahme gab dem Ge- richt die Frage, ob eine neue Höchstspan- nungsleitung in der Nähe der Habsburg im aargauischen Riniken als Freileitung oder ver- kabelt im Boden neu gebaut werden soll. Das Bundesgericht hielt dazu am 5. April fest: «Für die Verkabelung spricht das gewichtige energie- politische Interesse an der Vermeidung unnöti- ger Stromverluste.»

Heini Glauser, Energieingenieur und Mitglied im Verband «Hochspannung unter den Boden», geht noch einen Schritt weiter: «Mit einem effizienten Höchstspannungsnetz könnten Strom- verluste im Umfang von fünf Prozent des Schweizer Verbrauchs eingespart werden.» Das entspricht laut Glauser der Strommenge, die eines der beiden Atomkraftwerke Beznau pro- duziert. Dieses könnte abgeschaltet werden.

Glauser stützt sich beim Rechnen auf Aussagen seines Gegenspielers, des Stromkonzerns Axpo. Dieser hatte in einem Gutachten zum Riniker Leitungsstreit festgehalten, die Über- tragungsverluste fielen kleiner aus, wenn der Strom nicht nur in Freileitungen, sondern teilweise in erdverlegten Kabeln transportiert werde. Das hat Glausers Gruppe auf das 6700 Kilometer lange Schweizer Höchstspannungsnetz hochgerechnet. Das Ergebnis: Drei Milliarden Kilowatt- stunden Strom könnten eingespart werden. Zum Vergleich: Die Übertragungs- und Verteilver- luste im Schweizer Stromnetz betrugen 2010 offiziell 4,5 Milliarden Kilowattstunden.

Die Axpo kommentiert die Rechnung Glausers auf Anfrage nur kurz: «Axpo hält eine solche Hochrechnung für nicht realistisch, da sie sich auf eine stark reduzierte Teilbetrachtung ab- stützt», teilt ein Sprecher mit.

Detaillierter äussert sich Martin Geidl, Spezialist für den Betrieb von Übertragungsnetzen bei Swissgrid. Die Schweizer Netzgesellschaft sei technologieneutral, schickt er voraus. Swissgrid bevorzuge weder Freileitungen noch Erdkabel. Die Kritik, das Schweizer Höchstspannungsnetz sei wenig effizient, weist Geidl im Grundsatz nicht ab. Das Netz sei vergleichsweise alt, der Grossteil der Leitungen bestehe seit mehr als 40 Jahren. Tatsächlich seien die Verluste bei Energietransporten in erdverlegten Kabeln unter Umständen tiefer. Das sei so, weil im Boden dickere Kabel verwendet werden könnten. Dickere Freileitungen dagegen machten mehr Masten nötig; einem effizienteren Stromtransport in der Luft seien darum Grenzen gesetzt.

Gleichwohl äussert Geidl Zweifel an Glausers Rechnung. Zwar sei es richtig, dass kurze Kabel geringere Verluste verursachten. Bei längeren Kabeln werde das Verhältnis aber schlechter, weil alle 20 bis 30 Kilometer so genannte Kompensationsanlagen installiert werden müssten. Bei langen Transportwegen sind Freileitungen laut Geidl effizienter als Kabel.

Dennoch lässt Geidl einen gewissen Spareffekt durch mehr Kabel gelten. Die Zukunft liegt laut seiner Einschätzung in einer Mischform zwischen Kabeln und Freileitungen. Dadurch liessen sich unter Umständen Stromverluste verringern. Dass dadurch aber gleich ein Atomkraftwerk über- flüssig werde, hält Geidl für Wunschdenken.

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